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Indische Musik

Hinweis: mehr über indische Musik auf  Swara.at.

Um es klar zu stellen: mit diesem Text – Zusammenfassung eines Vortrags – hat Christian Weiss 2004 den gleichnamigen  Artikel in der Wikipedia gestartet, deshalb kommt es zu inhaltlichen Ähnlichkeiten. Es ist kein Plagiat, sondern das Original.

Ein vereinfachter Überblick

Im Wesentlichen hört man in Indien drei Arten von Musik:

  • Klassische Musik: kultivierter Musikstil, der im Westen besonders bekannt geworden ist, in Indien aber etwa den gleichen Stellenwert hat wie westliche Klassik in Europa.
  • Volkstümliche Musik: regional sehr unterschiedliche Lieder, die meist religiösen Ursprungs sind und vor allem bei Festen und in den Tempeln gesungen und gespielt werden.
  • Popmusik: alltäglich gespielte Hits, die größtenteils aus neuen und alten Kinofilmen à la Bollywood stammen und oft auch Elemente klassischer und volkstümlicher Musik enthalten.

Klassische indische Musik

Man unterscheidet zwischen zwei Richtungen, die zwar auf den gleichen Prinzipien basieren, sonst aber grundlegend verschieden sind:

  • Südindische Musik (Carnatic Music): ursprünglicherer, älterer Stil; sehr erdig mit vielen melodiösen und rhythmischen Variationen, eher durchkomponierte Arrangements.
  • Nordindische Musik (Hindustani Music): stark vom persischen Kulturraum beeinflusste Musik; viel klarer, mit vielen Verzierungen und wesentlich mehr Improvisation.

Die klassische indische Musik besteht aus einem für europäische Musikkenner oft überraschendem Nebeneinander von Freiheit und Disziplin. Diese Art von Musik ist vorwiegend Solomusik, das heißt, ein Musiker arbeitet die Melodiestruktur aus, die anderen unterstützen ihn dabei, wobei die Rollen im Laufe eines Konzerts aber oft wechseln.

Eine Reihe von allgemeingültigen Regeln erlaubt es Musikern, die einander vorher noch nie gesehen haben, sofort ein Konzert miteinander zu spielen: 80-90 % eines Konzerts sind frei improvisiert und orientieren sich an feststehenden Grundprinzipien. Die wesentlichen Säulen eines Musikstücks sind Raga und Tala.

Raga

Ein Raga ist eine feststehende Tonskala (auf- und absteigend), ähnlich wie die westlichen Kirchentonarten (z. B. Dorisch, Äolisch, …). Der Raga schreibt vor, welche Töne in welcher Reihenfolge zu einem Musikstück passen. Es gibt eine Unzahl überlieferter Ragas, die oft einer bestimmten Tageszeit (z. B. Todi – Morgen-Raga, Desh – 21-24 Uhr) oder Situation (z B. Megh – Regen-Raga, Basant – Frühling) zugeordnet sind und mit der emotionalen Qualität des jeweiligen Zeitpunkts übereinstimmen.

Tonleiter

Westliche Musik benützt maximal 12 Töne pro Oktave, die indische Musik orientiert sich an den Shrutis (Mikrotöne), die eine Oktav in 22 Schritte unterteilen. Die Haupttöne entsprechen beinahe den westlichen Ganztönen:

Sa Re Ga Ma Pa Dha Ni Sa

Das „Sa” gilt als Grundton und stimmt häufig mit dem westlichen „C” überein, jeder Musiker hat allerdings sein eigenes „Sa”, das kann geringfügig höher oder tiefer sein, aber – vor allem bei Vokalmusik – sogar auch um mehrere Ganztöne verschoben sein. Alle Instrumente werden auf den Grundton des dominierenden Musikers gestimmt.

Da die Kompositionen prinzipiell mündlich weitergegeben werden, gibt es keine präzise Notenschrift, die Töne werden lediglich in Schriftform festgehalten.

Harmonie

Keine echte Polyphonie: Die indische Musik legt weniger Wert auf Akkorde, sondern misst dem einzelnen Ton mehr Bedeutung zu, dessen Beziehung zum Grundton wesentlich ist. Deshalb spielt das Hintereinander der Töne die wichtigere Rolle, im Gegensatz zur Gleichzeitigkeit der Klänge in der westlichen Musik.

Üblicherweise erklingt der Grundton als eine Art „Klangteppich” während eines gesamten Musikstücks, so dass die Spannung zwischen den einzelnen Tönen mit etwas Übung sehr gut empfunden werden kann.

Tala

Neben dem Konzept des Raga, das die melodiöse Struktur festlegt, beschreibt der Tala den rhythmischen Aspekt eines Stücks. Indische Rhythmik unterscheidet sich vom westlichen „Takt”-System grundsätzlich dadurch, dass hier mit längeren Einheiten gearbeitet wird. Ein Tala ist ein Zyklus mit einer vorgegebenen Anzahl von Schlägen (z. B. Teentaal – 16 Schläge, Dadra – 6 Schläge, Rupak – 7 Schläge), von denen jeder eine bestimmte – vorgegebene – Qualität besitzt.

Die Zyklen wiederholen sich, wobei die rhythmischen Muster, die ein Musiker spielt, sich häufig über mehrere Zyklen erstrecken.

Für jeden Schlag und verschiedene Kombinationen gibt es eine festgelegte Sprechsilbe (Bol), so dass ein Percussionist alles, was er spielt, auch sprechen kann. Aus diesem Grund kann eine rhythmische Komposition auch genauso wie eine Melodie in Schriftform festgehalten und sogar ohne Instrument erlernt werden.

Die „Eins”

Der erste Schlag eines Zyklus wird als Sam (= gemeinsam, zusammen) bezeichnet und besitzt eine besondere Bedeutung: während die Musiker ihre rhythmischen Variationen spielen, treffen sie einander immer wieder auf dieser „Eins”. Dadurch bauen sich häufig interessante Spannungen auf, die sich mit diesem gemeinsamen Schlag wieder lösen. Ein Musikstück endet stets auch auf Sam – also mit einer Art „Auftakt” nach dem westlichen Musikverständnis.

Sehr häufig geht dem Schluss ein Tihai – die dreifache Wiederholung eines beliebig langen Musters, das ebenfalls auf „Eins” endet – voran.

Geschwindigkeit

Ein Musikstück fängt in der Regel seeehr langsam an; ein einzelner Tala-Zyklus kann sich dabei vielleicht sogar über eine Minute erstrecken. Die Pausen zwischen den „Schlägen” werden durch rhythmische Muster verziert, wobei sich die Musiker – und im Idealfall auch die Zuhörer – jedes „echten” Schlags (und vor allem der „Eins”) sehr bewusst sind. Die Geschwindigkeit steigert sich dann im Verlauf des Stücks, entweder durch Verdopplungen oder allmählichen Anstieg des Tempos bis zum fulminanten Höhepunkt (Jhala). Manchmal folgt vor dem endgültigen Schluss eine kurze neuerliche langsame Passage.

Musikinstrumente

Indische Musik ist ursprünglich Vokalmusik. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Instrumente entwickelt, die teilweise versuchen, den Klang der menschlichen Stimme zu imitieren. Viele der unzähligen Instrumente sind nur in bestimmten Regionen bekannt, andere sind in ganz Indien und teilweise sogar im orientalischen Raum verbreitet.

Melodieinstrumente

  • Sitar: Das im Westen wohl bekannteste indische Instrument mit einer Vielzahl von Saiten, von denen aber hauptsächlich eine dazu dient, um die eigentliche Melodie zu erzeugen. Die anderen Saiten sind teilweise Resonanzsaiten, die selbständig mitschwingen, oder Saiten, die zum Erzeugen einer rhythmischen Grundstruktur gedacht sind. Die Bünde sind frei verschiebbar, um die gewünschten Töne erzielen zu können; viele Töne werden jedoch durch „Ziehen” der Saite erzeugt.
  • Sarod: In Indien sehr beliebtes Saiteninstrument, dessen Wurzeln im orientalischen Raum liegen. Der Korpus ist mit einem Fell bespannt, weshalb der Klang ein wenig an ein Banjo erinnert. Der Hals ist aus Metall und hat keine Bünde; die Tonhöhe bestimmt der Musiker durch Druck oder Gleiten mit dem Fingernagel.
  • Sarangi: Streichinstrument, dessen Korpus ebenfalls mit einem Fell bespannt ist. Der melancholische Klang wird mit einem Bogen erzeugt.
  • Violine: Vor allem im Süden gebräuchliches Instrument, das auf unbekannten Wegen aus dem Westen seinen Platz in der indischen Musik gefunden hat. Die Haltung der Violine ist allerdings unterschiedlich (senkrecht, mit dem Kopf nach unten).
  • Veena: Traditionsreiches Saiteninstrument, das auf den ersten Blick mit der Sitar verwandt scheint, sich in Bau und Spielart allerdings grundsätzlich unterscheidet. – Verwendung in der südindischen Musik.
  • Tanpura: einfaches Saiteninstrument, das in fast jedem Konzert eingesetzt wird, um konstant den Grundton sowie dessen Quint und Oktav zu erzeugen.
  • Santoor: Ursprünglich aus Persien stammendes Hackbrett, das mit zwei Klöppeln geschlagen wird.
  • Bansoori: Flöte aus einem Bambusrohr ohne besonderes Mundstück; wird als Querflöte gespielt, wobei der Klang durch Blasen über ein einfaches Loch entsteht.
  • Shennai: Oboen-artiges Blasinstrument mit gewöhnungsbedürftigem schnarrendem Klang. Hat sich vermutlich aus den beeindruckenden Blasinstrumenten, die zur Verständigung in den Bergen eingesetzt worden sind, weiterentwickelt.
  • Harmonium: Verwandt mit der westlichen Ziehharmonika, steht allerdings fest auf dem Boden. An der Hinterwand ist ein Blasbalg befestigt, der ständig mit der linken Hand betrieben wird, während die Rechte die Melodielinien, gelegentlich auch Akkorde spielt. Einsatz hauptsächlich in volkstümlicher und devotionaler Musik.

Rhythmusinstrumente

  • Pakhawaj: Klassische nordindische Quertrommel mit einem nahezu zylindrischen Holzkorpus, der an beiden Enden mit kompliziert aufgebauten Fellen bespannt ist.
  • Tabla: Weiterentwicklung der Pakhawaj. Der legendäre Musiker Amir Khushro soll der Überlieferung nach eine der damals verbreiteten Quertrommeln auseinander geschnitten haben, um mehr Möglichkeiten beim Spiel zu eröffnen. Die bauchige Basstrommel besteht aus Messing, die kleinere – melodiösere – aus Holz. Die Tabla gehört zwar zur nordindischen Klassik, ist wegen ihres Klangs aber bei jeder Art von Musik und bei jeder Gelegenheit beliebt.
  • Dholak: Volkstümliche Quertrommel mit einfacheren Fellen. Beim Spielen wird oft zusätzlich mit einem Metallring am rechten Daumen auf den Korpus geklopft.
  • Mridangam: In der südindischen Musik verbreitete Trommel. Ähnelt der Pakhawaj, unterscheidet sich aber in Klang und Spielweise.
  • Khol: beidseitig bespannte Trommel mit einem Korpus aus Ton. Stammt aus Ostinidien, wird häufig auch als Mridangam bezeichnet.
  • Kanjira: Einfache südindische Rahmentrommel, die nur mit der rechten Hand geschlagen wird und dennoch eine bemerkenswerte Klangvielfalt bietet.
  • Ghatam: Tontopf, der ebenfalls in Südindien gebräuchlich ist und erstaunliche Klänge hervorbringen kann.
  • Manjeera/Karatal: Unterschiedlich große Zimbeln aus einer Metalllegierung, werden hauptsächlich in Volksmusik und Devotional Songs verwendet.
Indische Musik http://das.verstehst.net/indische-musik 20.4.2018