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Eine Weihnachtsgeschichte 2015

Still hat sich die sternenklare Nacht über das Land gesenkt. Frischer Schnee hüllt die Wälder und Felder in ein weißes Glitzerkleid. Lustig tanzen unaufhörlich die Schneeflocken vom Himmel zur Erde. Es ist kalt.

Goldenes Licht taucht die winterliche Landschaft draussen vor dem Fenster in einen wunderlichen Glanz. Hier, wo die Menschen sind, herrscht eine feierliche Stimmung.
Heute ist alles anders.
Ein aufmerksamer Beobachter kann das Leuchten in ihren Augen sehen.
Nicht jeder wirkt froh. Aber jeder fühlt, dass heute ein besonderer Abend ist.

Von irgendwo her verströmt Punsch einen feinen Duft von Zimt, Nelken und Orangen.
Kinder lachen.
Ganz aufgekratzt und ungeduldig sind sie, das kann man deutlich spüren.
Sie wollen endlich den geschmückten Tannenbaum sehen und die Geschenke vom Christkind auspacken.
Ansonsten ist es eher ruhig und friedlich herinnen.

Hin und wieder kommen mitfühlende Blicke – manche denken daran, dass ER heute nicht mit seinen Liebsten feiern kann.

Er hält einen Moment inne, um die Anwesenden näher zu betrachten:

Das Mädchen, das sich danach sehnt, endlich den Geliebten im Arm zu halten.
Der Unternehmer, dessen Sorgen ständig darum kreisen, das beste für seine Mitarbeiter zu tun.
Die Oma, die voll von Erinnerung ist an all die Jahre mit ihrem verstorbenen Gatten.
Die Studentin, die voll Tatendrang aufbrechen will in ein neues, besseres Zeitalter.
Der Sänger, der unermüdlich durch die Länder reist, um den Menschen Freude zu bringen.
Der Ehemann, der versucht, sein Gefühl der Hilflosigkeit mit Alkohol zu betäuben.
Die Schönheit, die es gewöhnt ist, mit ihrem Aussehen ihre Umgebung zu bezaubern.
Der Wissenschaftler, der der Welt unbedingt beweisen will, dass seine These stimmt.
Der Einsame, der so gern ein Lächeln von jemandem geschenkt bekommen möchte.
Die Mutter, die ihr Leben dafür opfert, dass ihre Kinder behütet aufwachsen können.
Die Buben, die noch gar nicht wissen können, dass ihnen die ganze Welt offen steht.
Der Junggeselle, der sich nicht dazu entschließen kann, der Freundin sein ganzes Herz zu schenken.
Die Reisende, die auf der Suche nach Freiheit auf alle Bequemlichkeiten verzichtet.
Der Arbeiter, der müde und erschöpft ist von einem harten Tag, an dem er sein Bestes gegeben hat.

All diesen einzigartigen Menschen begegnet er jetzt – zum ersten Mal nimmt er ihr Herz wahr und ihre Sehnsucht nach Liebe. Und er erkennt, wie sehr er mit jedem von ihnen verbunden ist. Obwohl er sie gar nicht kennt.

Er denkt an seine Lieben daheim. Wie werden sie sich gerade fühlen? Werden sie ihn vermissen?

„Es ist Weihnachten“, denkt er sich. „Heute will ich jedem von Herz zu Herz begegnen.“
Diesmal bleibt die Prägezange in der Tasche. Statt Fahrkarten zu kontrollieren, schreitet er die Sitzreihen ab, reicht jedem Fahrgast die Hand. Nimmt den anderen wahr. So wie er ist. Ein Blick.
Er
wünscht dem Unbekannten „Frohe Weihnachten“. Aufrichtig. Von ganzem Herzen. Von Mensch zu Mensch.
Er
denkt sich: „Dieser Moment der liebevollen Begegnung, dieser kurze Blickkontakt, der uns zeigt, wir sind verbunden – das hat so etwas Erhebendes. Könnte nicht jeden Tag Weihnachten sein?“

Dann greift er zum Hörer und ruft noch den Lokführer an. Der sitzt ganz  allein an der Zugspitze und wacht in der Dunkelheit verantwortungsvoll darüber, dass die ihnen anvertrauten Menschen wohlbehalten ihr Ziel erreichen. Er sagt zu ihm: „Lieber Kollege, auch dir wünsche ich eine gesegnete Weihnacht. Danke, dass du da bist!“

Es ist die Heilige Nacht, in der wir uns daran erinnern, dass das Göttliche Licht in jedem von uns scheint.

Wie ein glühender Pfeil zieht der Zug weiter und weiter durch die sternenklare Nacht. Für einen kurzen Augenblick taucht goldenes Licht die winterliche Landschaft draussen vor dem Fenster in einen wunderlichen Glanz.

© 2015 Christian Weiss

Eine Weihnachtsgeschichte 2015 http://das.verstehst.net/eine-weihnachtsgeschichte 27.9.2020